Menschen haben kein Vakuum, das auf Glauben wartet

Tagung des Arbeitskreises Theologie und Verkündigung (AKThuV)

„Wo Gott fehlt, fehlt nichts?“ – unter dieser provokanten Fragestellung (basierend auf dem Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ von Jan Loffeld) stand die diesjährige Tagung des Arbeitskreises Theologie und Verkündung im Maternushaus in Köln – mit dem Untertitel „Verkündigung in säkularer Gesellschaft“. Teilgenommen haben Laien ebenso wie Ordensbrüder und -schwestern aus der Dominikanischen Familie.

Mit einem spannenden und lebhaften Auftaktvortrag präsentierte Prof. Dr. Maria Widl, ehemalige Professorin für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Universität Erfurt, ihre Sichtweise und Erkenntnisse zum Thema. Es ließ uns aufhorchen, dass rund 66 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder kein spezifisch christliches Gottesbild mehr teilen. Das Zeitalter der Volksfrömmigkeit ist zu Ende gegangen und es scheint, dass die Religion aufgrund der Weltlichkeit an Bedeutung verliert, wodurch das Ende der allgegenwärtigen Kirchlichkeit eingeläutet ist.

Während früher Bildung, Kunst, Sozialhilfe und das Krankenhauswesen in fester Hand der Kirche waren, bildet die Gesellschaft eigene Institutionen aus. Der Glaube zieht sich in die Privatsphäre zurück. Maria Widl: „Menschen haben kein Vakuum, das auf Glauben wartet.“ Und immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass ihnen nichts fehle, wenn sie nichts glauben. Sie bereiten sich heute eher einen eigenen Rahmen und machen sich ein eigenes Gottesbild, jeder für sich selbst. Religion ist nicht mehr notwendig als Referenz im eigenen Leben.

Glaube und Religion sind nicht dasselbe

Auch die aus der Zeit der Volkskirche und Volksfrömmigkeit stammende Gleichsetzung von Glaube und Religion gelte heute als überholt. Kirchen haben das Alleinstellungsmerkmal auf Religion verloren. Es wird von Sekten, Esoterik und Okkultismus oder von Fußball und Konsum abgelöst. Heute ist es möglich, auch ohne Glauben ein glücklicher und anständiger Mensch zu sein.
Die Referentin zeigte, wie wir in der Verkündigung bei Alltagsfragen ansetzen können. Hierzu gehört es die Rationalität des Glaubens zu entdecken, dass sich der christliche Glaube als praktische Gotteserfahrung zeigen sollte und dass ein Christ kein „Jesuaner“ ist, sondern an einen dreieinigen Gott glaubt. Sie ermunterte uns, den Alltag unter den Augen Gottes zu ergründen und uns mit der Weltvision Gottes und seiner Heilsgeschichte im Hinblick auf unsere Lebenswirklichkeit auseinanderzusetzen.

Lebenswende: Wie kann Verkündigung heute aussehen?

Am zweiten Tag zeigte uns Stefan Plattner (Jugendreferent der Katholischen Jugend Leipzig) Wege einer ganz anderen Verkündigung auf. Bestens vorbereitet und untermauert mit vielen Fotos erläuterte er, wie anlässlich des Wave-Gotik-Treffens (WGT) in Leipzig die Gäste eine besondere Erfahrung machen konnten: Ein ökumenisches Segensteam – bestehend aus katholischen und evangelischen Seelsorgern – war vor Ort, um Menschen auf der Straße und auf dem Südfriedhof zu segnen. Mit Schildern, auf denen „Free Blessings“ stand, machten sie auf ihr Angebot aufmerksam und zogen zahlreiche neugierige Blicke auf sich. Fragen wie „Coole Kostüme“ oder „seid Ihr echt?“ waren an diesem Tag keine Seltenheit.

Ein weiteres sehr erfolgreiches Projekt ist die Feier der Lebenswende für Jugendliche, das sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche angeboten wird und quasi eine neue Alternative zur Firmung (katholisch) oder Jugendweihe (weltlich) darstellt. Sinn dieser Veranstaltungen ist es, mit den Jugendlichen in acht Treffen Neues zu erleben und über das eigene Leben, das Erreichte und die Zukunft zu philosophieren. Zusätzlich zu diesen Treffen gibt es zwei Begleitangebote für die Eltern. Am Ende steht eine festliche Feier – in diesem Fall in der Leipziger Propsteikirche, aber ohne Gottesdienst – mit Familie und Freunden.
Beide Referenten haben mit ihren Erläuterungen und im regen Austausch mit den rund 20 Teilnehmenden gezeigt: Verkündigung in einer säkularen Gesellschaft ist möglich, sieht aber völlig anders aus, als viele von uns es kennen.

Text: Helge Smulczynski, Düsseldorf
Fotos: Dekanat Leipzig, Oskar Schlechter